Meine Buchvorschläge

Margaret Atwood: Der Report der Magd (Piper, 2017)

Die 1939 im kanadischen Ottawa geborene Margaret Atwood schrieb den Roman „Der Report der Magd“ (The Handmaid’s Tale) im Jahr 1985. Sie legte damit eine Dystopie vor, die den Leser erschüttert und irritiert zurücklässt.

Wir schreiben die nahe Zukunft und befinden uns im Staat Gilead, die Erzählerin ist Desfred, eine Magd. Gilead ist eine Theokratie, entstanden nach einem blutigen Umsturz, allem Anschein nach auf dem Boden der heutigen USA. Diese Veränderung der politischen Verhältnisse liegt zum Zeitpunkt der Erzählung noch gar nicht so lange zurück, denn Desfred kann sich noch an die Zeit davor erinnern. Sie war eine gut gebildete, aufgeweckte junge Frau, stand mitten im Berufsleben, war verheiratet und hatte eine Tochter. All das hat sich dramatisch verändert. „Wir schliefen in dem Raum, der einst die Turnhalle gewesen war.“ (S.11) So beginnt Margaret Atwood und so gibt es in der Folge noch viele Schauplätze, die ihre Funktion radikal verändert haben. Verändert, ihre Funktion abgelegt und neue übernommen, so wie auch die Hauptfigur selbst. Desfred ist ihr neuer Name und gibt an, wem sie gehört, nämlich ihrem sogenannten Kommandanten Fred, der in der politischen Hierarchie anscheinend eine hohe Position innehat.

Und Desfreds Rolle ist die einer Magd. Aufgrund von Umweltzerstörung sind viele Frauen unfruchtbar geworden. Diejenigen, die nun die Mägde sind, bilden die Ausnahme. Ihre einzige Aufgabe ist es, von Kommandanten geschwängert zu werden und Kinder zur Welt zu bringen. Auch nach außen sind sie in dem Kastensystem gekennzeichnet: Die Mägde tragen lange rote Kleider und weiße Hauben mit seitlichen Flügeln. Kontaktaufnahme mit der Umwelt, mit anderen ist streng untersagt.

Durch die Augen der Erzählerin und Protagonisten sehen wir die neue Welt, in der sie lebt. Ein beengter Blick, ebenso wie das Leben in diesem Staat Gilead. Der Leser erfährt, dass Desfred in der Umbruchzeit ihre Tochter weggenommen wurde; was mit ihrem Mann passierte, bleibt unklar. Wir sind dabei, wie die Mägde auf ihre Rolle vorbereitet werden durch die Tanten. Wir erleben mit, wie manche aufbegehren, so wie Moira, dafür schwer bestraft werden. Wir sehen, wie Todesurteile vollstreckt werden, wir erfahren, wie Andersdenkende und Unbrauchbare in die Kolonien transportiert werden, um dort Sondermüll zu entsorgen und elend zugrunde zu gehen. Wir erleben, wie sich die politische Elite Sonderrechte herausnimmt, Dinge tut und besitz, die offiziell verboten sind. Wir sind dabei, wie Desfred eine heimliche Liebesbeziehung eingeht, die, falls sie bekannt würde, sofort dazu führte, dass sie in den Kolonien landen würde.

Da der Roman aus der Ich-Perspektive erzählt ist, sehen wir als Leser nie das große Ganze, aber aus den vielen Bruchstücken entsteht ein Bild, das eine Welt zeigt, wie wir sie nicht haben wollen, wie sie aber so unwahrscheinlich nicht ist. Margaret Atwood selbst sagt, dass sie eigentlich nichts erfunden hat, dass alles, was in dem Roman dargestellt wird, in der einen oder anderen Form schon einmal da war im Laufe der Menschheitsgeschichte oder dass eine solche Entwicklung durchaus möglich ist. Ein Staat, dessen Ideologie sich auf einige falsch verstandene und eng ausgelegte Bibelzitate stützt: Kommt uns das heute nicht bekannt vor (Stichwort IS). Umweltzerstörung, Unterdrückung der Frau, rigides Kastensystem, Verblendung, Indoktrinierung, Privilegien der Herrschenden. All das kommt uns doch irgendwie bekannt vor.

Es gibt aber auch eine Widerstandsbewegung, von der Desfred am Ende offenbar befreit wird. Wie so manches in dem Roman bleibt eine Unsicherheit zurück darüber, wie das Geschehen abgelaufen ist. Mit Desfred haben wir eine unzuverlässige Erzählerin, die sich ihrer Erfahrungen und Erlebnisse, die sich auch ihrer Vergangenheit nicht immer sicher ist und die dem Leser manchmal mehrere Versionen anbietet.

Margaret Atwood hat den Roman mit mehreren Ebenen aufgebaut. Zum einen ist der Hauptstrang der Erzählung, der das Leben in Gilead aus der Sicht Desfreds zeigt. Eingestreut sind Zwischenkapitel, die jeweils mit „Nacht“ betitelt sind. Die Nacht gehört Desfred, wie sie sagt; es ist die Zeit der Erinnerung und der Reflexion. Das Ende spielt rund 200 Jahre nach der Haupthandlung, im Jahr 2195: Wissenschaftler haben die Aufzeichnungen Desfreds (auf Tonbandkassetten) gefunden und analysieren die historische Phase des Staates Gilead.

Margaret Atwoods Roman (mittlerweile auch schon verfilmt und ganz aktuell als Serie verarbeitet) lässt den Leser mit vielen Fragen zurück. Mit der Frage, wie es zu diesem Staat Gilead kommen konnte (denn das wird nirgends erklärt), mit der Frage, wie realistisch diese Dystopie ist, mit der Frage, ob wir die Zeichen der Zeit erkennen, wenn sie da sind.

„Der Report der Magd“, ein Roman, der ebenso fesselt wie erschüttert, der ebenso traurig wie zornig macht. Ein Roman, der zeigt, die Individualität ausgelöscht wird (auch mit den Namen) und der Körper, vor allem der Mägde, auf seine reine Funktionalität beschränkt wird. Ein Roman, der auf alle Fälle das Prädikat „Lesenswert“ erhält. Vieles ließe sich noch schreiben, doch soll nicht alles verraten werden.

 

 

Gertrude Pressburger: Gelebt, erlebt, überlebt (Zsolnay, 2018)

Geboren 1927 in Österreich als Kind jüdischer Eltern. Mit diesen Daten lässt sich schon erahnen, wie das Leben von Gertrude Pressburger verlaufen ist. Schon rasch nach dem Anschluss tauchen die Nazi-Schergen mit der ihnen eigenen Gründlichkeit bei den Pressburgers auf, nehmen den Vater mit in die Gestapo-Zentrale am Morzinplatz. Gezeichnet von Folter kommt er zurück mit dem Wissen, dass nur noch die Flucht sie retten kann. So machen sich die Eltern mit den Gertrude und ihren beiden Brüdern Heinzi und Lumpi auf den Weg nach Jugoslawien und weitere Stationen.

Als Italien 1943 kapituliert und die Wehrmacht die Kontrolle übernimmt, ist es soweit. Auch die Familie Pressburger wird in den kleinen italienischen Ort, wo sie Zuflucht gefunden haben, aufgestöbert und abtransportiert. Endstation Auschwitz, die Mutter und die Brüder werden sofort vergast und verbrannt. Was mit dem Vater passiert, weiß Gertrude lange nicht. Wie durch ein Wunder überlebt sie das Konzentrationslager und den weiteren Irrmarsch der Gefangenen quer durch Deutschland bis Hamburg. Schließlich gelangt Gertrude Pressburger nach Schweden, abgemagert, verdreckt und verlaust. Langsam findet sie wieder den Weg zurück ins Leben und erfährt, dass auch ihr Vater tot ist, erschossen irgendwo an einem Wegrand.

1947 beschließt Gertrude Pressburger, wieder nach Österreich zurückzukehren, wobei ihr Bruno Kreisky hilft. In ihrem einstigen Heimatland wieder Fuß zu fassen, fällt nicht leicht, allzu sehr ist die Nazi-Vergangenheit noch gegenwärtig. Dennoch kann sie sich ein Leben aufbauen, heiratet und hat eine Tochter. Bei allem schwört sich Gertrude Pressburger, sich nie wieder in ihrer Freiheit einschränken zu lassen. Und nicht den Mund zu halten, wenn alte Denkmuster wieder auftauchen, wenn gegen Juden und andere Minderheiten – oft, ohne darüber nachzudenken, geschimpft wird, wenn in der Politik wieder eine Sprache salonfähig wird, die Erinnerungen an dunkle Zeiten weckt.

Das Buch mit den Lebenserinnerungen von Gertrude Pressburger, aufgezeichnet von Marlene Groihofer, sollte eine, nicht nur österreichische, Pflichtlektüre sein. Auch wenn speziell das Kapitel über Auschwitz und danach für den Leser schwer zu verdauen ist, die Stimme von Gertrude Pressburger soll und muss gehört werden. Viele Zeitzeugen gibt es nicht mehr. Sie ist einen von ihnen, die das Erinnern wachhalten kann. Nicht um der Erinnerung willen, sondern damit wir selbst wach bleiben, um die Zeichen zu erkennen, die davor warnen, wenn solche dunklen Zeiten wiederkehren.

Die Geschichte wiederholt sich nicht Eins zu Eins, das ist bekannt. Aber geschichtliche Muster wiederholen sich. Hat man dieses Buch gelesen, dann weiß man, wie solche Muster aussehen. Und dann hat man in Gertrude Pressburger ein Beispiel, wie man solchen Mustern mit Zivilcourage entgegentritt.

 

    

Beowulf (Regionalia Verlag 2015)

 

Ein wackerer Kämpfer, furchteinflößende Gegner, Monster, ein Drache, der einen Schatz bewacht: Alles, was ein Heldenepos braucht, ist hier versammelt. Nein, es handelt sich nicht um Tolkiens „Hobbit“, aber der Meister des Fantasy-Genres hat sich eine ordentliche Portion an Anleihen genommen (nicht nur beim Beowulf übrigens).

Also, Beowulf, das ist ein Recke aus Südschweden, stark wie 30 Männer. Er macht sich mit seinen Gefährten auf nach Dänemark, um den dortigen König samt seiner Gefolgsleute von Grendel zu befreien, jenem übermächtigen, riesenhaften Monster, das Nacht für Nacht aus dem Sumpf kommt, um brave Männer zu meucheln, zu verschleppen und zu verspeisen. Bei Beowulf ist er natürlich an den Falschen geraten, der macht in einem Zweikampf kurzen Prozess mit Grendel, reißt ihm den rechten Arm aus und hängt diesen als Trophäe an die Decke des Königssaals. Der Dänenkönig ist natürlich hoch erfreut. Doch haben sie die Rechnung ohne Grendels Mutter gemacht, denn die sinnt nun auf Rache. Was bleibt Beowulf anderes übrig, als ins Meer hinabzutauchen, um dort auch der Grendel-Mutter der Garaus zu machen.

Mit Ehren überhäuft und reich beschenkt kehrt Beowulf zurück in seine Heimat, wo er ein weiser König wird, der den Frieden sichert, 30 Jahre lang. Die Geschichte könnte schön enden, gäbe es da nicht noch den Drachen, der – wie üblich – über einen Hort wacht. Und weil ihm anscheinend langweilig ist, und weil das Drachen halt so machen, überzieht er feuerspeiend das Land und äschert sogar Beowulfs Königsburg ein. Das kann dieser natürlich auch nicht so hinnehmen und stellt sich dem Drachen. Beinahe alleine, denn seine Kampfgefährten haben lieber das Weite gesucht, nur einer bleibt bei ihm: Wiglaf. Beowulf wird tödlich verwundet, Wiglaf erlegt den Drachen und rechnet diese Heldentat selbstverständlich Beowulf an.

Die feigen und untreuen Kämpfer werden mit Schimpf und Schande davongejagt, wie es der Germanen Sitte ist. Beowulf wird am Meeresufer in einem Hügelgrab beigesetzt.

Das Buch in der Übersetzung und Bearbeitung von Walter Hansen ist für alle Fans von Heldensagen, vor allem der nordischen, geeignet, aber auch für alle, die sich dafür interessieren, wo die Wurzeln der modernen Fantasy-Erzählungen liegen. Es ist eine teilweise rasante, auch blutrünstige Geschichte, die aber daneben auch Einblick in das Denken der germanischen Kriegeraristokratie des frühen Mittelalters gibt. Da kann es für den heutigen Leser auch etwas langatmig werden. Alles in allem ein durchaus empfehlens- und lesenswertes Buch, ein Stück Literatur- und Kulturgeschichte.

 

 

Arno Geiger: Unter der Drachenwand (Hanser, 2018)

 

Wir schreiben das Jahr 1944, das fünfte Kriegsjahr, eine Krieg, der dem Ende zugeht, aber keiner weiß, wie weit dieses Ende noch in der Zukunft liegt. Veit Kolbe, über weite Strecken des neuen Romans von Arno Geiger der Protagonist und Erzähler, wurde an der Ostfront verwundet. Er ist jung, desillusioniert und fühlt sich um sein Leben und seine Zukunft betrogen. Um seine Verletzung auszukurieren, wird er zu seinem Onkel geschickt, der in Mondsee Postenkommandant ist. Dort – unter der Drachenwand, einem der markanten Felsen der Gegend, zieht Veit Kolbe in sein Quartier ein. Die Vermieterin betrachtet ihn argwöhnisch, ist er doch in ihren Augen – einer überzeugten Hitler-Anhängerin, die Durchhalteparolen von sich gibt – nichts anderes als ein verweichlichter Drückeberger. Und dann ist da noch die Gruppe der verschickten Mädchen mit ihrer unnahbaren Lehrerin Margarete, die im Ortsteil Schwarzindien ihr Lager aufgeschlagen haben.

Neben den Figuren, die treu zum Regime stehen – dazu gehört auch Veits Vater in Wien – gibt es diejenigen, die sich dagegen äußern, vor allem der sogenannte „Brasilianer“. Er hat in besagtem Land gelebt, sehnt sich zurück nach Rio de Janeiro, betreibt in Mondsee eine Gärtnerei mit Glashaus und treibt es mit seiner Kritik so weit, dass ihn die Gestapo – zumindest für eine Zeit – mitnimmt und sich um ihn „kümmert“.

Der Lichtblick für Veit Kolbe ist Margot, eine Reichsdeutsche aus Darmstadt. Sie ist verheiratet – ihr Mann ist an der Front – und hat ein Baby. Zwischen ihr und Veit entwickelt sich eine Liebesbeziehung (die in ein Happy End nach dem Kriegsende übergeht, so viel sei verraten).

Was den Roman von Arno Geiger so interessant und spannend macht, ist, dass immer wieder die Erzählperspektive gewechselt wird – und das für den Leser manchmal so rasch und unvermutet, dass man eine Zeit braucht, um draufzukommen. Denn nicht nur das Schicksal von Veit Kolbe wird erzählt, sondern unter anderem auch das von Oskar Meyer, einem Juden, der mit seiner Familie Zuflucht in Budapest sucht, oder das der Mutter von Margot in Darmstadt. Bekommt man in Mondsee nur am Rande etwas vom Krieg mit, wenn die Bombergeschwader am Himmel dröhnend über die Landschaft hinweg fliegen, so sieht das in Darmstadt mitten im alliierten Bombenhagel ganz anders aus.

Mit der von ihm gewohnten Sprachgewalt zieht Arno Geiger den Leser in das Geschehen hinein, lässt ein Bild der Welt von 1944 entstehen, mit all ihrer Trostlosigkeit, ihren Schrecken und dem Irrsinn der letzten Kriegsmonate. Ein Buch, das man gelesen haben sollte.

 

 

Natascha Wodin: Sie kam aus Mariupol (Rowohlt, 2017)

 

Ist es eine Autobiographie? Ist es ein fiktionaler Text? Es ist beides. Die Autorin Natascha Wodin macht sich auf die Spurensuche nach ihrer Mutter, die Selbstmord begangen hatte, als die Tochter zehn Jahre alt war. Vieles weiß diese nicht über ihre Mutter und nur wenige Erinnerungsstücke sind ihr geblieben, wie ein paar Fotos. Sie weiß, dass ihre Eltern im Zweiten Weltkrieg als Zwangsarbeiter aus der Ukraine nach Deutschland gekommen sind. Und nun gibt sie den Namen der Mutter, Jewegenia Iwaschtschenko, in eine Suchmaske im Internet ein, ohne sich große Hoffnungen zu machen.

Doch unvermutet meldet sich Konstantin, der hobbymäßig Daten zu Personen sucht, und damit gerät ein Schneeball ins Rollen, der zu einer Lawine an Informationen führt. Immer weiter verschiebt sich der Wissenshorizont und vor der Erzählerin breitet sich das bunte Panorama einer Familiengeschichte aus, mit der sie nie gerechnet hat. Seefahrer italienischer Abstammung, reich gewordene Kohlenhändler, Opernsänger, Universitätsprofessoren – das alles findet sich in dem Familienstammbaum wieder. Die Vorfahren zählten zur wohlhabenden Oberschicht der Stadt Mariupol am Asowschen Meer.

Doch dann kam die Russische Revolution, dann kam der Bürgerkrieg, dann kam Stalin und dann kamen die deutschen Truppen. In diesen wenigen Jahren, in diesen schrecklichsten Jahren des 20. Jahrhunderts änderte sich alles. Anpassung, Widerstand, Verfolgung, Enteignung, Vertreibung, Verschleppung, Tod – das waren nun die Schicksale.

Diese Spurensuche bildet den ersten Teil von Wodins Buch. Im zweiten Teil steht das Leben von Lidia, der Schwester von Wodins Mutter, im Mittelpunkt. In den Besitz von deren Tagebuchaufzeichnungen ist die Autorin gekommen. In sachlich-nüchterner und gleichzeitig eindringlicher Sprache, in einer Mischung aus Originalton aus den Lidias Aufzeichnungen, Kommentaren der Autorin und Fiktion, dort, wo die Realität nicht gefunden werden konnte, vermittelt dieser zweite Teil einen eindringlichen Blick auf ein Leben in einer Willkür-Diktatur.

Im dritten Teil steht wieder die Mutter im Mittelpunkt. Hier rekonstruiert Natascha Wodin deren Schicksal aus Erinnerungen, Erzählungen, Aufzeichnungen, Geschichtsschreibung. Immer wieder schwankt sie zwischen dem, was als gesichertes Wissen gelten kann, und dem, worüber sie nur spekulieren kann. Aus all diesen einzelnen Elementen entsteht ein eindringliches und einfühlsames Bild.

Unter dem Eindruck all dieses neuen Wissens steht das vierte und letzte Kapitel, das die Kinderjahre Natascha Wodins zum Inhalt hat, ihr Leben mit der traumatisierten Mutter und dem gewalttätigen Vater, der wenig anwesend ist. Das letzte Bild des Buches zeigt die aufgebahrte, tote Mutter.

 

Natascha Wodin ist ein faszinierender Text gelungen, ein Text an der Grenze zwischen Autobiografie und Fiktion, ein Text der Spurensuche im Dickicht der Geschichte, ein Text, in dem das Wissen über die eigene Herkunft immer weiter verschoben wird. Persönliche Schicksale, eine Familiengeschichte werden mit den Brüchen und Schrecken des 20. Jahrhunderts verwoben. Kennzeichnend dafür ein Zitat: „Sie war in den Reißwolf zweier Diktaturen geraten, zuerst unter Stalin in der Ukraine, dann unter Hitler in Deutschland. Es war eine Illusion, Jahrzehnte später in dem Ozean vergessener Opfer die Spur einer jungen Frau zu finden, von der ich nicht viel mehr wusste als den Namen.“ (S.10) In den Text eingebettet Familienfotos lassen zusätzlich einen Blick werfen auf ein Leben, das aus dem Dunkel der Geschichte herausgeschält wird.

Natascha Wodins Buch ist faszinierend wie erschütternd, auf jeden Fall lässt es den Leser nicht unberührt zurück. Es ist eines jener Bücher, die einen ein Stück weit verändern können und sich im Kopf festsetzen.

Nicolas Vanier: Abenteuer Yukon Quest (Malik, 2017)

 

1600 km mit dem Hundeschlitten durch den Norden Kanadas und Alaskas. Bei -30° bis -50° über schneebedeckte Pisten, im tosenden Sturm über die Berge, auf Flüssen unterwegs im tückischen Packeis. Nicolas Vanier schildert eindringlich und anschaulich die Erlebnisse und Gefahren, die er gemeinsam mit seinem Hundegespann bewältigt hat. Er schreibt vom Schlafmangel, von der Sorge um seine Hunde, von den fast unmenschlichen Anstrengungen, denen er während dieser zehn Tage des Rennens ausgesetzt war. Aber er schreibt auch von der atemberaubenden Landschaft, von der Stille unter den Nordlichtern und von der Begeisterung über und der Liebe zu seinen Hunden, denn er weiß, wie abhängig er von ihnen ist. Eingeflochten darin sind Geschichten aus der Geschichte des wohl legendärsten Schlittenhunderennens, über große Musher, leistungsfähige und willensstarke Hunde, über grandiose Erfolge, aber auch schmerzliche Niederlagen.

Ein Buch für alle, die sich für das begeistern, was Hunde zusammen mit ihren Menschen zustande bringen, und ein Buch für alle, die gerne über Abenteuer im Schnee und Eis des hohen Nordens lesen. 

 

 

 

 

 

 

Nicolas Vanier: Mit meinen Hunden (Malik, 2017)

Der französische Abenteurer Nicolas Vanier erzählt von seiner Reise mit dem Hundeschlitten, die ihn auf 6000 km durch Sibirien, China und die Mongolei führt. Faszinierende Landschaften, gastfreundliche Einwohner, schikanöse Zollbeamte säumen seinen Weg. Flusspassagen mit tückischem Eis, schwierige Bergpassagen durch Tiefschnee und die endlos scheinende Steppe der Mongolei wechseln einander ab, bis Vanier schließlich sein Ziel am Baikalsee erreicht. Faszinierend der Laufwille und der der Kampfgeist der Schlittenhunde und die enge und innige Beziehung zwischen dem Musher und seinen 10 Hunden, von denen jeder einen eigenen Charakter hat. Ein Buch für alle, die die packende Schilderung von Abenteuern in Schnee und Eis lieben und für alle Hundefans, die etwas über enge Zusammenarbeit von Mensch und Hund lesen wollen.    

Daniel Kehlmann: Tyll (Rowohlt, 2017)

Daniel Kehlmann hat sich wieder einen historischen Stoff vorgenommen und eine Figur aus der Literatur. Mit gewohnter sprachlicher Bravour und Eindringlichkeit schildert er die Zeit des Dreißigjährigen Krieges mit all seinen Schrecken und die Zeit der Hexenverfolgungen und des blühenden Aberglaubens, der sich mit den Anfängen moderner Wissenschaft und Erkenntnis vermengt. Zusammengehalten wird alles durch die Figur des Tyll, der am Beginn – als kleiner Junge – seinen Vater in einem Hexenprozess verliert und von einem fahrenden Gaukler mitgenommen wird, zusammen mit der Bäckerstochter Nele. In weiterer Folge lernt Tyll Ulenspiegel unterschiedlichste Menschen kennen, wie etwa das unglückliche Königspaar Elisabeth und Friedrich von Böhmen (den Winterkönig) oder den Schriftsteller Paul Fleming, der Gedichte auf Deutsch schreiben will.

Wie auch schon bei der „Vermessung der Welt“ präsentiert uns Kehlmann in diesem Roman eine Mischung aus historischen Fakten und Fiktion, die den Leser in ihren Bann zieht. Oftmals fühlt man sich mitten im Geschehen. Prädikat: Lesenswert.    

Juli Zeh: Leere Herzen (Luchterhand, 2017)

Wie auch bereits in „Corpus delicti“ führt uns Juli Zeh mit dieser Dystopie in eine Welt, die gar nicht so weit entfernt liegt, in eine Welt, die eigentlich auch schon Realität sein könnte. Die Protagonistin des Romans, Britta, betreibt eine Firma, eine sehr spezielle Firma, die „Brücke“: Sie betreut Selbstmordkandidaten. Was zunächst sehr human klingt, entpuppt sich als purer Zynismus. Diejenigen, die alle Stufen des Testprogramms durchlaufen, werden als Menschen definiert, die von ihren Selbstmordplan auf keinen Fall abweichen – und daher von Britta an diverse Organisationen vermittelt, die Selbstmordanschläge durchführen. Doch es tritt Konkurrenz auf den Plan, die „Empty Hearts“, und Britta, ihr Geschäftspartner Babak sowie ihre beste Kandidatin Julietta werden selbst zu Gejagten.

Am Beginn bleibt noch einiges offen und ungeklärt, man ist stellenweise etwas verwirrt, aber mit ihren wie eine Thriller gestalteten Roman fesselt Juli Zeh die Leser zunehemd und man hält bis zur letzten Seite den Atem an, ist sich oft nicht mehr ganz sicher, ob man einer fiktionalen Handlung folgt oder der Realität, wie sie unsere heutige Welt zeigt. Schonungslos deckt die Autorin den Zynismus auf, der in vielen Bereichen Politik und Gesellschaft durchdrungen hat. Unbedingt lesen und darüber nachdenken!    

Michael Köhlmeier: Der Mann, der Verlorenes wiederfindet (Hanser, 2017)

Sowohl vom Inhalt her wie auch als literarische Textsorte wirkt der neue Text von Michael Köhlmeier irgendwie aus der Zeit gefallen. Es ist eine Novelle, etwas, das man heute nicht mehr allzu oft antrifft, und es geht um den Heiligen Antonius. Die Geschichte beginnt mit dem Lebensende des Protagonisten, der erschöpft, krank und dem Tode geweiht auf einer Bahre auf der Piazza in Arcella liegt, umringt von 3000 Menschen, die seine Predigt hören und den Tod eines Heiligen miterleben wollen. Denn, was Antonius hat, das ist die Macht des Wortes. Gespickt mit Zitaten aus der Bibel schildert Köhlmeier das Leben des Antonius und seine Zeit – und wie verschiedene Menschen das Erleben seiner letzten Predigt ganz unterschiedlich erzählen und auslegen.

Das Buch ist durchaus lesenswert, zählt jedoch nicht zu meinen Lieblingslektüren.

Lawrence Black (Hg.): Nighthawks (Droemer, 2017)

In diesem Band hat Lawrence Black eine Reihe amerikanischer Autorinnen und Autoren versammelt, die Geschichten zu Gemälden von Esward Hopper geschrieben haben. Die Riege reicht von Megan Abbott über Stephen King bis hin zu Joyce Carol Oates. Viele der Autoren sind bei uns nicht so bekannt oder auch ganz unbekannt. Man erkennt auch daran, wie vielschichtig die Literatur ist und wie wenig man wissen kann. Faszinierend ist, welche Geschichten oft von dem Ausgangspunkt der faszinierenden Bilder von Hopper gesponnen werden. Einige davon sind sofort packend und mitreißend, andere sind sehr stark in us-amerikanischer Geschichte und Kultur verhaftet und daher nur zum Teil nachvollziehbar. Insgesamt aber ein Buch, das sehr empfehlenswert ist und das auch Lust dazu macht, selbst ein Bild herzunehmen und sich dazu eine Geschichte auszudenken.    

Elli H. Radinger: Die Weisheit der Wölfe (Ludwig 2017)

 

In ihrem neuen Buch verbindet die bekannte Wolfforscherin Elli H. Radinger ihre langjährigen Beobachtungen der Wölfe im Yellowstone Nationalpark damit, was wir vom Verhalten der Tiere auf unser alltägliches Leben übertragen können. Was können wir von den Wölfen lernen, was können uns die Wölfe lehren?

Es geht in dem Buch aber keineswegs um eine Verherrlichung des Wolfes, es geht nicht um eine Mythifizierung oder Mystifizierung, Radinger blickt nicht durch die rosa Brille auf das Leben dieser beeindruckenden Wildtiere. Sie stellt alle Seiten dar, sie zeigt das soziale Zusammenleben in den Wolfsfamilien mit ihrer durchkomponierten Kommunikationsstruktur. Sie schildert aber auch, was passiert, wenn sich Wolfsrudel in die Quere kommen, wenn es um den Kampf um Ressourcen geht. Radinger schreibt anschaulich und lebendig über ihre zahlreichen Beobachtungen und Erlebnisse. Es geht darum, wie sich Wölfe um ihren Nachwuchs kümmern, welche Rolle die Erfahrung des Alters spielt, wie unterschiedliche Tierarten zusammenarbeiten (Wölfe und Raben). All dies legt sie auf das Leben und den Alltag der Menschen um, etwa dahingehend, was wir vom Führungsverhalten der Leittiere eines Wolfsrudels lernen können. Nicht der Aggressive setzt sich durch, sondern derjenige, der durch Erfahrung und Charisma eine natürliche Autorität erlangt hat. Am Beispiel des Jagdverhaltens der Wölfe zeigt Radinger, wie sich gut gewählte Strategien, aber auch Ausdauer, die Kunst des Wartens oder zu wissen, wann man ein Vorhaben wegen Aussichtslosigkeit aufgibt, zum Erfolg führen.

Auch auf die Problematik der Rückkehr von Wölfen in die westeuropäischen Kulturlandschaften geht die Autorin ein und spricht sich dabei für Aufklärung und ein gutes, sinnvoll durchdachtes Wolfsmanagement aus. Der Wolf hat seine Daseinsberechtigung und ein Zusammenleben von Wolf und Mensch ist möglich, davon ist Elli H. Radinger überzeugt.

„Die Weisheit der Wölfe“ – ein Buch für Fans und Liebhaber dieser faszinierenden Raubtiere, eine Lektüreempfehlung für alle, die es noch werden wollen, und Lesestoff für Menschen, die dem Wolf noch skeptisch, kritisch oder sogar feindlich gegenüberstehen. Das Buch enthält viele Informationen und packende Erlebnisschilderungen, es verschweigt nicht, dass die Natur nicht immer nett und lustig ist, dass es, wenn es ums Fressen und um Rivalitäten geht, grausam wird. Grausam in den Augen von Menschen (wobei hinterfragt werden muss, ob Menschen nicht viel grausamer – auch zu ihresgleichen – sind), jedoch der normale Ablauf in der Beute-Jäger-Beziehung.

Auf alle Fälle lässt sich dieses Buch sehr leicht und rasch lesen, zieht den Leser in seinen Bann und ist eine packende und lehrreiche Lektüre gleichermaßen.

 

 

Roman Klementovic: Immerschuld (Gmeiner 2017)

Im neuen Thriller von Roman Klementovic geht’s gleich richtig zur Sache. Zunächst rast die Hauptfigur mit dem Auto quer durch Wien, um jemanden zu retten. Wer das ist, erfährt man später. Doch gerade, als er die Klingel drücken will, kracht hinter ihm ein Körper auf ein Autodach.

Der nächste Schauplatz ist ein Waldrand bei Grundendorf. Dort wird der schrecklich zugerichtete Kadaver eines schwarzen Labrador gefunden – und Patrick ist dabei. Von nun an beginnt sich das Karussell der Handlung immer schneller und schwindelerregender zu drehen. Es gibt immer neue Verschwundene – im Mittelpunkt steht Patricks Cousine Julia – und Tote. Immer neue Verdächtige tauchen auf, immer wieder werden falsche Fährten gelegt. Und wer der wirkliche Täter ist, tja – wie üblich bei diesem Genre – denkt der Leser am allerletzten an diese Person.

Roman Klementovic’ Sprache ist knapp und lebt von einem wechselnden Rhythmus, der sich der Handlung im Tempo anpasst und bis zu 1-Wort-Sätzen geht. Manchmal hätte man sich bei der Wortwahl etwas mehr Abwechslung und Präzision gewünscht – aber man hat eben keinen Ransmayr vor sich. Doch das ist auch nicht der Anspruch dieses Buches.

Was Klementovic beherrscht und ausreizt, das ist die Methode des Cliffhangers. Regelmäßig schließt ein Kapitel mit offenen Fragen oder mitten in der actionreichsten Handlung. Als Leser blättert man gierig auf die nächste Seite weiter und ehe man sich versieht, ist man am Ende des Romans angelangt.

Geschildert wird aus der Ich-Perspektive des Protagonisten Patrick, der die mysteriösen Vorkommnisse um Verschwundene in Grundendorf aufgeklärt, sich aber dann aus dem Polizeidienst zurückgezogen hatte. Nun wird er abermals in die Geschehnisse heineingezogen, persönlich betroffen durch das spurlose Verschwinden seiner Cousine Lisa, zeitweise sogar selbst als Verdächtiger im Visier der Ermittler. Der letzte Teil des Romans ist zunächst etwas verwirrend, da der Autor hier zu zwei Perspektiven wechselt, nämlich auf der einen Seite weiter die von Patrick, auf der anderen Seite die seiner Freundin (?) Lisa. Das ist diejenige, die am Beginn auf dem Autodach gelandet und nun aus dem künstlichen Tiefschlaf erwacht ist.

„Immerschuld“ ist die Fortsetzung von „Immerstill“. Der Roman lässt sich auch ohne den Vorgänger lesen, da vieles erklärt wird. Leichter tut man sich aber wohl, wenn man auch den ersten Roman verschlungen hat.

Spannung im hitzeflirrenden, hochsommerlichen, fiktiven Weinviertler Ort Grundendorf – wer kurzweilige Lektüre genießen möchte, der kann zu diesem neuen Roman des Österreichers Roman Klementovic greifen.

 

 

Amélie Nothomb: Töte mich (Diogenes 2017)

 

Ein Titel, der an einen Thriller denken lässt. Eine Erzählung, die jedoch anderes bietet. Auf dem Cover steht als Gattungsbezeichnung „Roman“, was heute anscheinend von den Verlagen für jeden Prosatext verwendet wird, sogar von Diogenes.

Zum Inhalt: Wir befinden uns in der Welt des belgischen Adels im 21. Jahrhundert. Der Protagonist, Graf Henri Neville, weiß, was sich gehört. Er liebt es zu repräsentieren, Feste auszurichten. Er hat, was einem Adeligen zusteht, nämlich Tradition und Ehrgefühl. Was er nicht mehr hat, das sind finanzielle Mittel. So steht er unmittelbar vor dem Verkauf seines Anwesens, Schloss Pluvier. Anfang Oktober soll noch einmal ein großes Gartenfest ausgerichtet werden. Auf diesem Fest aber soll etwas passieren.

Neville ist glücklich verheiratet mit Alexandra und hat drei Kinder: Die älteren zwei, Oreste und Electre,  erfüllen die Erwartungen. Seine Jüngste allerdings, Serieuse, bereitet ihm Sorgen. Erst recht, als sie mit einem Anliegen an ihn herantritt. Eine Wahrsagerin hat Henri prophezeit, dass er auf seiner Party jemanden töten wird. Zunächst gibt er nichts darauf, dann denkt er doch angestrengt darüber nach, wen er denn umbringen könnte. Bis schließlich seine Tochter an ihn herantritt und zu ihm sagt, dass sie die Lösung hätte, er solle nämlich sie töten, denn sie sei des Lebens überdrüssig, fühle nichts mehr. Natürlich lehnt der Vater entrüstet ab, hält das Ganze für eine pubertäre Spinnerei. Doch Serieuse lässt nicht locker und bringt Henri dazu, dass er schließlich tatsächlich mit seiner Jagdflinte währen des Festes auf seine Tochter anlegt.

Doch dann kommt es ganz anders als erwartet.

Amélie Nothomb, 1967 im japanischen Kobe geboren, lebt heute in Brüssel und Paris. Für ihre Werke wurde sie bereits mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. „Töte mich“ ist eine relativ knappe Erzählung (ca. 120 Seiten), die jedoch, einmal in das Gehirn des Lesers eingepflanzt, ihre Wurzeln schlägt und dort immer weiter wuchert. Serieuse ist eine rätselhafte Figur, aus deren Charakter man nicht wirklich schlau wird. Ist sie abgebrüht und empfindungslos? Oder ist sie eine Pubertierende, die mit ihrem Leben gerade nichts anzufangen weiß und auslotet, wie weit ihr Vater bereit ist zu gehen? Mit Henri Neville bekommt man Mitleid. Er ist bemüht, den Schein der adeligen Tradition und der gesellschaftlichen Verpflichtungen aufrecht zu erhalten, obwohl die Familie finanziell am Ende ist. Und das schon lange, hat er doch schon als Kind seine Schwester Louise verloren, weil nicht genug Geld da war, um eine entsprechende ärztliche Versorgung zu ermöglichen bzw. wurde es auch damals schon verwendet, um den Schein zu wahren.

Der Text beginnt unmittelbar mit dem Besuch Graf Nevilles bei der Wahrsagerin und setzt dann mit der Erklärung fort, wie es dazu gekommen ist. In der Folge erfährt der Leser einiges über die Welt des Adels und fühlt sich kurzfristig in eines der gängigen und einschlägigen Hochglanzmagazine oder eine Seitenblicke-Sendung versetzt, bis der Erzählung mit der Konfrontation von Vater und Tochter an Fahrt aufnimmt und mit Tempo auf das unvermeidlich erscheinende Ende zusteuert. Diese soll nicht verraten werden. Entweder man schmunzelt darüber oder man fühlt sich doch auch etwas ent- und getäuscht.

Sprachlich ist Nothombs Text sehr dicht, Schilderungen von seelischen Zuständen, selbstquälerischen Überlegungen und Darstellungen der Adelswelt wechseln mit flotten Passagen, welche mit Dialogen die Handlung vorantreiben. Die Namen der Kinder sind sprechende, spielen im Falle der älteren beiden auf die griechische Mythologie an, was von Serieuse in der Diskussion mit ihrem Vater auch immer wieder verwendet wird. Serieuse ist die Ernsthafte, die Verschlossene, die ihren Vater auf die Probe stellt und in den Gesprächen oft älter wirkt als die 17, die sie ist.

Amélie Nothombs Text lebt nicht so sehr von der Handlung, sondern von den beiden Charakteren Henri und Serieuse Neville – und von einer verblüffenden Idee, dass der Vater von der Tochter gebeten wird, sie zu töten.

 

 

Robert Menasse: Die Hauptstadt (Suhrkamp 2017)

 

Robert Menasses Roman ist ein Panoptikum Europas am Beginn des 21. Jahrhunderts, sowohl ein Bekenntnis zu einem gemeinsamen Europa jenseits nationalstaatlicher Beschränkungen, als auch eine schonungslose Offenlegung all der Intrigen, Machtspiele und Befindlichkeiten innerhalb der europäischen bürokratischen Institutionen.

Eines der Leitmotive ist das des Schweines, tritt doch am Beginn ein Brüssel irrendes Borstenvieh auf, ist der Bruder eines der Protagonisten Schweinezüchter, und steht auch am Ende des Romans dieses eingangs erwähnte, dann zur urbanen Legende verkommene Nutztier.

Eine Reihe von Figuren, ebenso wie eine Vielzahl von Schauplätzen, von denen Brüssel im Mittelpunkt steht, spannen das Tableau auf, vor dem die Handlung des Romans spielt. Zentraler Handlungsfaden ist die in der Abteilung Kultur geborene Idee, eine Fest – das Jubiläumsprojekt – anlässlich 50 Jahre Europäische Kommission zu organisieren. Leiterin der Abteilung ist Fenia Xenopoulou. Ihr Mitarbeiter Martin Susman hat die Idee, dabei auf die Grundziele Europas zurückzukommen, nämlich nie wieder Auschwitz zuzulassen; dementsprechend soll der Festakt auch im ehemaligen Konzentrationslager stattfinden. Hier finden sich viele versteckte und offene Anklänge an Robert Musils „Mann ohne Eigenschaften“.

Neben diesem Hauptstrang flicht Robert Menasse sowohl einige weitere Handlungsfäden ein wie die Lebensgeschichte des Juden David DeVriend oder die mit Elementen eines Politthrillers gespickten Ereignisse rund um ein Attentat in einem Brüsseler Hotel, bei dem die Ermittlungen des zuständigen Kommissars Brunfaut auf Weisung von oben abgebrochen werden und alles rund um diesen Mord vertuscht wird. Eine weitere Figur ist der emeritierte Professor für Volkswirtschaft Alois Erhart, der Mitglied in einem Think Tank der Europäischen Kommission ist und die Idee hat, als Sinnbild für das gemeinsame Europa eine Hauptstadt zu gründen, und zwar auf dem Boden des ehemaligen KZ Auschwitz. Dass all diese Projekte letztendlich kläglich scheitern und im Sand verlaufen, zwischen Mahlsteinen diverser Einzelinteressen zerdrückt werden, das wundert einen europakundigen Leser wohl wenig.

Eingestreut in die Romanhandlung sind immer wieder essayistische Elemente, die sich mit der Idee Europa, mit der Frage nach der europäischen Vergangenheit und ihrer Aufarbeitung, mit den Fragen nach Nation und Identität, mit wirtschaftlichen Lobbyismus, mit persönlichen Befindlichkeiten, Intrigen und Machtspielen beschäftigen.

Robert Menasse ist mit diesem Buch ein Schlüsselwerk gelungen, für das er jahrelang in Brüssel vor Ort recherchiert hat. Der ebenso bekennende wie auch kritische Europäer breitet, eingepackt in einen wohldurchdacht komponierten Roman, immenses Wissen über das Funktionieren der EU aus. Zugleich stellt er die Frage, wie weit mit dem Ableben der letzten Zeitzeugen der Verbrechen des Nationalsozialismus dies zu einer bloßen Epoche in der Geschichte wie alle anderen wird. Und inwiefern dadurch die Grundideen des europäischen Projekts vergessen und auf dem Altar wieder erstarkender nationaler Interessen und Nationalismen geopfert werden.

Robert Menasses Roman „Die Hauptstadt“ ist ein Buch, das mit Gewinn und ästhetischem Genuss auf der einen Seite gelesen werden kann, das auf der anderen Seite eine Quelle an Inspiration ist, um über Europa nachzudenken. Europa mit all seinen Ideen, Visionen und Problemen. Es ist auf alle Fälle ein Buch, das man gelesen haben sollte, ein Buch, über das nachgedacht und über das geredet werden sollte.

Tendai Huchu: Der Friseur von Harare (Peter Hammer Verlag, 2012)

Ein Friseursalon in der simbabwischen Hauptstadt Harare, das ist der kleine Kosmos, in dem sich der große widerspiegelt. Die Hauptfigur, Vimbai, gilt als begabteste Friseurin, was sie auch etwas eitel macht. Von einem eigenen Salon, den sie irgendwann aufmachen will träumt sie, während sie die Kundinnen bedient und im Mittelpunkt steht, bis eines Tages Dumisami auftaucht und rasch zum neuen Star wird. Die beiden stehen sich in Konkurrenz gegenüber, doch entwickelt sich langsam eine Beziehung, ja, Dumi zieht sogar bei Vimbai ein. Beide verbindet ein problematisches Verhältnis zu ihrer Familie. Bei Vimai ist der Grund eine Erbschaft, bei Dumisami ein dunkles Geheimnis, dem Vimbai erst im weiteren Verlauf der Handlung auf die Spur kommen wird. Mit Vimbai an seiner Seite kann sich Dumisami mit seiner Familie aussöhnen, sehen diese doch in ihr die zukünftige Schwiegertochter und unterstützen sie auch finanziell bei der Gründung eines eigenen Friseursalons. Das Geheimnis von Dumisami ist allerdings eines, das in der Gesellschaft von Simbabwe ein absolutes Tabu ist, das mit Verachtung, Verfolgung, Misshandlung und sogar dem Tod geahndet wird: Dumisami ist homosexuell.

Tendai Huchu, 1982 in Bindura (Simbabwe) geboren, lebt heute als Fußpfleger im schottischen Edinburgh. „Der Friseur von Harare“ war 2011 sein Romandebut und fand viel Lob bei der Kritik. Erzählt wird in der Ich-Form aus der Sicht von Vimbai, die in ihrem Verhalten und Denken durchaus nicht immer sympathische Züge trägt. Sie ist ehrgeizig, oft auch eitel und arrogant, zum Beispiel gegenüber ihrem Hausmädchen, und steckt auch voller Vorurteile, was deutlich wird, als sie nach dem heimlichen Lesen von Dumis Tagesbuch diesen bei der gefürchteten Ministerin verrät, mit deren Mann er ein Verhältnis hat. Damit trägt sie letztendlich Schuld daran, dass Dumisami von einem Schlägertrupp der Ministerin beinahe zu Tode geprügelt wird. Gegen Ende erkennt sie doch ihre Verfehlung und setzt sich bei der Ministerin dafür ein, dass Dumisami nach England ausreisen kann. So schließt der Roman doch mit einer Art Happy End.

Tendai Huchu erzählt in einem lockeren, leicht und flüssig zu lesenden Stil. Neben der Homosexualität fließen in die Handlung immer wieder Schlaglichter auf die Gesellschaft und das Leben in Simbabwe ein; der Leser erhält Einblicke in die Schwierigkeiten des Alltags – von der rasenden Geldentwertung bis zur Verkehrssituation in Harare – aber auch in die Nachwirkungen des Antikolonialkrieges, die nach wie vor bestehenden Ressentiments gegen die Weißen, die marodierenden Schlägertrupps und die Korruption, von der Gesundheitsversorgung bis hinein in die Politik.

Ein packender, fesselnder Roman, der einen Blick über den europäischen Tellerrand ermöglicht.

Radek Knapp: Der Mann, der Luft zum Frühstück aß (Deuticke)

 

Der österreichische Autor mit polnischen Wurzeln erzählt in seinem neusten Roman von einem polnischen Immigranten in Wien. Als Kind wird Walerian – benannt nach einem Beruhigungsmittel -  von seiner Mutter in das unbekannte Land mit der unbekannten Sprache gebracht. Von da an geht es dem Protagonisten darum, seinen Platz zu finden. In gewohnt komischer Art beschreibt Knapp, wie Walerian seine ersten Deutschkenntnisse aus einem Asterix-Band erhält, den ihm sein Chemielehrer in der Hauptschule gibt. Danach scheitert er an den Ansprüchen einer elitären Handelsakademie, wird von seiner Mutter rausgeworfen und hält sich in der Folge mit Gelegenheitsjobs über Wasser. In seiner Funktion als Heizungsableser sieht er sich als Archäologe, der immer tiefer in die Gesellschaft eindringt. Eigentlich aber ist er auf der Suche nach Heimat und stellt an Ende fest, dass diese überall sein kann.

Wer wissen will, was dem Protagonisten Walerian sonst noch widerfährt, warum er zum Beispiel gleich am Beginn nach einem Schragl geschickt wird, und was es mit dem Titel des Buches auf sich hat, der sollte es unbedingt lesen.

Thomas Sautner: Das Mädchen an der Grenze (Pius)

 

Die Protagonistin Malina lebt mit ihrer Familie an der Grenze zur Tschechoslowakei. Ihr Vater ist Zöllner, wir schreiben das Jahr 1988 und der Eiserne Vorhang scheint noch für die Ewigkeit errichtet. Mit Malina hat es jedoch etwas Besonderes auf sich, ihre Wahrnehmung der Welt „zerwackelt“ immer wieder, wie es der Autor nennt, sie wird unscharf, zerfließt, verschwindet. Der Begriff der Grenze ist in Sautners Roman ein mehrdeutiger. Nicht nur die als unüberwindbar und als Gefahr dargestellte Grenze zwischen den Staaten ist gemeint, sondern auch die Grenze zwischen Realität und Traum oder was auch immer diese Welt hinter der bewussten Wahrnehmung ist.

Mit Fortgang des Romans wird der Leser in eine unwirkliche Welt entführt, die zum Teil an Alice im Wunderland erinnert. Malina lernt eigenartige Wesen kennen, während auf einer zweiten Erzählebene geschildert wird, wie sie im Spital aufgrund ihrer unerklärlichen Anfälle behandelt und mit Medikamenten vollgestopft wird. Aber ist das, was wir für die reale Welt halten, wirklich das als was es uns erscheint? Oder sind wir nur die Figuren in einem Spiel, ausgetragen von Wesen einer anderen Existenzform, zu denen Malina eine unerklärliche Verbindung hat? Matrix lässt grüßen.

Der neue Roman des österreichischen Autors aus dem niederösterreichischen Gmünd ist sicher sein bisher schrägstes Buch, auf das man sich als Leser einlassen muss. Es ist sprachlich gut, voller interessanter Bilder („Als Kind war ich gewiss, dass der Himmel, von dem doch der Regen kam, und der Spiegel des Teiches, der diesen Regen aufnahm, ein und dasselbe waren, ein einziges Wesen mit zwei einander zugewandten Gesichtern.“ (S.20))  Es lässt einen nachdenklich zurück. Auf jeden Fall keine Lektüre, die man nach Beendigung einfach zuklappt und abhakt.

Franzobel: Das Floß der Medusa (Zsolnay)

 

Sprachgewaltig, ausufernd, detailverliebt stürzt der neue Roman des österreichischen Autors Franzobel auf den Leser ein und holt ihn in seinen Sog, aus dem es ihn erst nach vielen Stunden wieder erschüttert entlässt.

Wir schreiben das Jahr 1816, als sich die Fregatte Medusa mit rund 400 Menschen an Bord auf den Weg nach Westafrika macht. Doch dort soll sie nie ankommen, denn die Inkompetenz des Kapitäns Chaumaray, der auf die Einflüsterungen des Hochstaplers und angeblichen Freundes Richford mehr hört als auf seine Offiziere, treibt das Schiff aus eine Sandbank, rund 100 Meilen vor der Küste. Zu wenige Rettungsboote sind an Bord, so werden 150 Menschen auf einem notdürftig zusammengezimmerten Floß ausgesetzt, auf dem sie die nächsten fast 14 Tage verbringen, so gut wie ohne Verpflegung. Von Tag zu Tag, von Nacht zu Nacht werden es weniger.

Franzobel führt uns ungeschminkt in die Abgründe der menschlichen Natur, die unter der dünnen Schicht der Kultur liegen. Schon die Schilderung des Lebens auf der Medusa verlangt viel vom Leser ab. Da werden nicht nur die Standesdünkel der Vertreter des Adels geschildert, die sich nach dem Ende der Ära Napoleons wieder im Aufwind wähnen und auf alle anderen mit Verachtung hinabsehen. Auch den ganz alltäglichen Sadismus, etwa des Smutjes gegen den jungen Viktor, zeigt Franzobel ungeschminkt und in all seiner ausweglosen Brutalität auf dieser eigenen, abgeschlossenen Welt des Segelschiffes.

Der eigentliche Schrecken aber beginnt nach dem Unglück der Medusa mit der Schilderung des Schicksals der auf dem Floß Ausgesetzten. Versucht der Schiffsarzt Savigny zunächst noch die Ordnung aufrecht zu erhalten, ganz nach seinem Ideal der Aufklärung mit ihrer Betonung des Rationalismus, so geht diese immer mehr verloren, versinkt im nackten Kampf ums Überleben, der bis hin zum Kannibalismus führt.

Das Tüpfelchen auf dem i ist schließlich, dass letztendlich die bestehenden Machtverhältnisse siegen. Chaumaray, Richford und Schmaltz, der designierte Gouverneur der französischen Kolonie in Westafrika, leben ihre Leben weiter, sind von offizieller Seite frei von jeder Schuld. Savigny, als einem der wenigen Überlebenden des Floßes, wird es von höchster Stelle untersagt, über die wahren Hintergründe des Unglücks zu berichten.

Auch wenn die Sprach-und Detailverliebtheit Franzobels manchmal schon etwas manieriert wirkt, so zieht der Roman den Leser in seinen Bann und lässt ihn mit der Vielzahl von Figuren mitleben (von Unverständnis und Hass bis zu Mitleid) und ihn bis zu letzten Seite nicht los. Der Autor versteht es auch, beinahe jeder einzelnen Figur ihren eigenen sprachlichen Duktus zu verleihen.

Man wacht nach der letzten Seite auf wie aus einem bösen Traum und hofft, nicht selbst durch den dünnen Firnis der Zivilisation zu brechen.

Ernest van der Kwast: Die Eismacher (btb, 2016)

Sie lieben Eis? Sie lieben Poesie? Dann sind Sie bei diesem Buch genau richtig. Der indisch-niederländische Autor schildert in diesem Roman die Geschichte der norditalienischen Eismacherdynasie der Talaminis. Alles beginnt im 19. Jahrhundert mit dem Urgroßvater Giuseppe, der für sich in Anspruch nimmt, das Eismachen erfunden zu haben. Damals wurden Eis und Schnee noch mühsam aus den Gletschern der Dolomiten herabgetragen. Der eigentliche Protagonist des Romans ist Giovanni, der in der Familie als Verräter gilt. Denn er tritt nicht in die Fußstapfen seines Vaters Beppi, der über die Sommermonate in Rotterdam einen Eissalon betreibt, sondern wendet sich der Poesie zu. Er reist von einem Lyrikfestival zum andern durch die ganze Welt und wird schließlich Leiter des World Poetry Festivals. Sein Bruder Lucca schuftet sich in der Zwischenzeit bei den Eismaschinen den Rücken krumm und kreiert eine neue Eissorte nach der nächsten.

Waren die beiden Brüder als Kinder noch unzertrennlich, so nehmen ihre Lebenswege unterschiedliche Bahnen und bleiben doch eng verbunden. Beide waren sie verliebt in die wunderschöne Sophia, Lucca hat sie schließlich geheiratet. Aber er kann keine Kinder zeugen und so bittet er seinen Bruder, das für ihn zu übernehmen. Der tut das auch. Das Kind, Giuseppe, zieht es, als es erwachsen geworden ist, ebenfalls in die Welt hinaus, statt im Eissalon mitzuarbeiten. Der Roman endet im letzten Kapitel wieder mit dem Rückblick auf den Großvater, der nach zwei Jahren aus Amerika in das norditalienische Tal zurückkehrt, Maria Grazia heiratet und – Eis macht.

Ernest van der Kwast hat ein wunderschönes Buch geschrieben, das beim Lesen Lust auf eine Tüte Eis macht, zugleich aber zeigt, wie anstrengend die Arbeit der Eismacher ist. Und es weckt die Lust auf die Poesie, auf Gedichte. Die beiden Brüder Giovanni und Lucca können ihre unterschiedlichen Welten nicht verbinden, als Leser kann man die Poesie des Eismachens und des Eisessens entdecken.   

Hugo Portisch: Leben mit Trump. Ein Weckruf (ecowin, 2017)

Das neue Buch der österreichischen Journalisten-Legende Hugo Portisch ist in gewohnter Manier flüssig zu lesen und bietet auf den knapp 80 Seiten einen Überblick über die gegenwärtige weltpolitische Lage und die die Herausforderung Europas. Portisch gelingt es, die wesentlichen Fakten darzustellen, die rund um die Wahl und die noch junge Amtsführung des 45. US-Präsidenten Donald Trump von Interesse sind. Darauf aufbauend zeigt er auf, welche Herausforderungen sich dadurch für Europa, insbesondere die EU ergeben. Wie üblich gelingt es Hugo Portisch, die großen Linien und Zusammenhänge vor den Augen des Lesers zu malen und diese damit zu öffnen.

Bei der Lektüre des Essays ist kaum zu glauben, dass Hugo Portisch erst jüngst seinen 90. Geburtstag gefeiert hat. Das Buch ist ein Muss für alle, die sich für historische und politische Zusammenhänge interessieren – oder die durch das Lesen von Portisch’s Zeilen die Begeisterung dafür entdecken wollen.    

NoViolet Bulawayo: Wir brauchen neue Namen (Suhrkamp, 2016)

 

Die simbabwisch-amerikanische Autorin NoViolet Bulawayo verarbeitet i ihrem Roman auch Autobiografisches. Im Mittelpunkt steht das Mädchen Darling, das am Beginn der Geschichte ungefähr 10 Jahre alt ist. Die ersten zehn Kapitel des Romans spielen in Simbabwe und schildern die dortigen Ereignisse und gesellschaftlich-politischen Verhältnisse aus der Sicht einer Gruppe von Kindern. Es geht um Aufstände und deren Niederschlagung, es geht um Hunger und Armut, es geht um Enteignung von Weißen und die Plünderung deren Häuser, es geht darum, wie gut ausgebildete Männer nach Südafrika pilgern müssen, dort in den Bergwerken schuften und als ausgemergelte, kranke Gestalten zurückkommen, und es geht auch um das Thema Aids.

Die zweiten 10 Kapitel spielen dann in den USA, wohin Darling zu ihrer Tante nach Detroit kommt. Hier beschreibt Bulawayo die Probleme des Ankommens in einer fremden Kultur, in der man sich nicht wirklich zurechtfindet, sich gleichzeitig aber von seinen eigenen Wurzeln immer mehr entfernt.

Das Buch bietet ungemein viele Facetten, über die es sich lohnt nachzudenken. Es ist gute Literatur, die sich dadurch auszeichnet, dass man immer wieder auf neue Aspekte stößt, dass man das Buch nicht nach einmaligem Lesen einfach beiseitelegt. Zudem verwendet die Autorin eine sehr interessante Sprache, die einen in ihren Bann zieht.

Für alle, die sich dafür interessieren, wie Menschen zwischen den Kulturen leben – eine Thematik, die ungemein aktuell ist – ist der Roman von NoViolet Bulawayo eine Empfehlung.    

Nagib Machfus: Die Midaq-Gasse (Unionsverlag, Zürich 2015)

Nagib Machfus wurde 1911 in Kairo geboren und erhielt 1988 als erster arabischer Schriftsteller den Literaturnobelpreis. In diesem Roman schildert er die Schicksale von Menschen in der Alt-Kairoer Midaq-Gasse. Eine ganze Reihe von mehr oder weniger sympathischen Figuren laufen uns dabei über den Weg, vom Kaffeehausbesitzer Meister Kirscha (der auch Drogenhändler und homosexuell ist) über Scheich Darwisch, der mit seinen rudimentären Englischkenntnissen prahlt, den Süßigkeitenhändler Onkel Kamil, die Heiratsvermittlerin Umm Hamida und viele mehr. Sie geben einen Einblick in das Leben der etwas besser gestellten, aber vor allem der ärmere Schichten im Kairo Mitte des 20. Jahrhunderts. Dass sich die Welt mitten im Zweiten Weltkrieg befindet, erfährt man als Leser dadurch, dass junge Ägypter, auch aus der Midaq-Gasse, versuchen, bei der britischen Armee Arbeit zu bekommen und Geld zu verdienen. Einer von ihnen ist auch Abbas al-Hilu. Er ist verliebt in die schöne, aber überhebliche Hamida, die ebenfalls Glück und Reichtum sucht, schließlich jedoch in der Prostitution landet.

Eine Buch für alle, welche die ägyptisch-arabische Welt und die Lebensauffassung und das Lebensgefühl der Menschen kennen lernen wollen.

Ivo Andric: Die Brücke über die Drina (dtv, 2016)

In dem mit "Eine Chronik aus Visegrad" untertitelten Buch zeigt der Nobelpreisträger aus dem ehemaligen Jugoslawien eine breites Panoptikum von menschlichen Schicksalen aus der bosnischen Grenzstadt. Protagonist ist die Brücke über den Fluss Drina, erbaut auf Anweisung eines Wesirs, als die Region noch unter osmanischer Herrschaft stand, gesprengt im 1. Weltkrieg. Daneben ist die Brücke Treffpunkt für die Alten und Jungen (die Kapija in der Mitte), ist Verbindung zwischen den Kulturen und Machtblöcken im Laufe der Zeiten, ist aber auch immer wieder Schauplatz von großen und kleinen Tragödien, von staatlicher Willkür, vom Treffpunkt politischer Verschwörer und Hitzköpfe und auch von Hinrichtungen eben dieser. Die große europäische und Weltpolitik findet ihre Widerspiegelung in den Geschehnissen und Schicksalen auf und rund um die steinerne Brücke über die Drina.

Julia Dominique Krammer: Lokalkolorit (Eigenverlag, Wien 2016)

Eine Sammlung von Kurzgeschichten der jungen Autorin, garniert mit einigen Fotos und Zeichnungen. Die Texte handeln von Alltäglichem, von Gefühlen und Träumen, von erfüllter und enttäuschter Liebe und von Rache. Sprachlich durchaus interessant und gekonnt aufgebaut, ist der schmale Band durchaus eine Bereicherung und eine Empfehlung abseits des Mainstreams.

Konstantin Küspert: europa verteidigen (In: Theater heute, Dezember 2016)

Das Stück von Konstantin Kaspert ist ein Panoptikum von Szenen quer durch Europa, vom Mythos, wie Zeus die Phönizierprinzessin Europa entführte und vergewaltigte, bis hin zu österreichischen Frontex-Polizisten, die auf Geheiß aus Warschau Flüchtlingsboote versenken, von den mittelalterlichen Kreuzzügen inklusive Brandschatzungen und Massenmorden bis hin zu einem Plädoyer für das Friedensprojekt Europa, vom Genozid der Deutschen an den Herero bis hin zur türkischstämmigen Aisha, die sich aber als Deutsche identifiziert. Küspert setzt auch eine Vielzahl von Sprachen ein, vom homereschen Hexameter über das Mittelhochdeutsche (mit einer Anspielung auf Walther von der Vogelweides Palästinalied) und französische sowie englische Einsprengsel bis hin zum österreichischen Dialekt. Das Stück zeigt, was Europa war, was es ist und was es sein könnte, in all seinen zum Teil verstörenden Facetten. Es stimmt nachdenklich, traurig, ist aber stellenweise auch zum Schmunzeln. Kann man Europa verteidigen, muss man, soll man? Bei allen Fehlern, bei aller Schuld, die Europa im Laufe der Jahrhunderte auf sich geladen hat, ist es auf jeden Fall wert, sich dafür einzusetzen. Das Stück ist eine Empfehlung!

Rafik Schami: Die Frau, die ihren Mann auf dem Flohmarkt verkaufte (dtv, München 2016)

Rafik Schami, der syrisch-deutsche Autor, erzählt über das Erzählen, und das macht unheimliche Lust auf Geschichten. Er beschäftigt sich mit dem Wesen des mündlichen Erzählens im Gegensatz zum schriftlichen. Der Bogen spannt sich vom Märchen, über die arabische Erzählkunst bis hin zu fiktiven Begegnungen mit Don Quijote. Rafi Scham erklärt, wie wichtig das Erzählen ist, welche Bedeutung es schon in seiner Kindheit hatte und wie er selbst zum Erzähler wurde. Seine Schilderungen von den Geschichtenerzählern in den Straßen von Damaskus lässt einem vor dem Hintergrund der aktuellen Bilder von Leid und Zerstörung aus Syrien die Tränen kommen. Das Buch zeigt aber auch, wie sie Kulturen gegenseitig beeinflussen und befruchten können. Faszinierend Shamir Beschreibung, wie im syrischen Radio die Märchen von 1001 Nacht in täglichen bzw. nächtlichen Folgen erzählt wurden und er  mit glühenden Ohren vor dem Empfänger saß und gebannt zuhörte. Für alle, die der Faszination des Geschichtenerzählern erlegen sind oder erliegen wollen, ist dieses Buch eine absolute Empfehlung und ein Muss.

Friedrich Orter: Aufwachen (Ecowin, Salzburg 2016)

Friedrich Orter, einer der Journalisten, die ich schon immer bewundert habe, verfasste eine Streitschrift. Ein Text für ein Europa, das sich seiner Werte bewusst ist. Ein Text gegen alle Formen des Radikalismus, sei es von  Links, sei es von Rechts, sei es der fundamentalistische Islam. In seinem gerafften Überblick über die gegenwärtigen Krisen kann er einem schon auch Angst machen. Ein Text von Friedrich Orter, der zum Nachdenken anregt, der auch stellenweise zum Widerspruch reizen kann. Ein Text, den man auf alle Fälle lesen sollte.. 

Ian McEwan: Nussschale (Diogenes, Zürich 2016)

Eine Dreiecksgeschichte: Trudy, John und Claude. So weit, so bekannt. Ein Mord. So weit, so spannend. Ein Ich-Erzähler. So weit, so konventionell. Aber jetzt kommt's: Der Ich-Erzähler ist ein Fötus - und erzählt aus dem Mutterbauch heraus, sich dort wohlig rekelnd, manchmal mit der Nabelschnur erdrosseln wollend. Ein höchst interessanter Erzählansatz, den McEwan hier wählt und er steht damit in der Tradition des Schelmenromane. So kommentiert das kleine Ungeborene auch immer wieder die Geschehnisse, vom geplanten und schließlich ausgeführten Mord von Trudy und Claude bis hin zum aktuellen weltpolitischen Geschehen. Das Opfer ist der erfolglose Lyrikautor und Verleger John, Trudes Ehemann und Claudes Bruder. Wie der Fötus das alles wissen kann? Er hört zu: den Gesprächen und den Podcasts, die sich seine Mutter reinzieht.

Der neue Roman von Ian McEwan ist sprachlich überzeugend (Übersetzung von Bernhard Robben), der gewählte, ungewöhnliche Erzähler ist eine gute Idee, wenn auch nicht immer ganz überzeugend durchgezogen. Ein in seiner Fruchtblase, der Nussschale, vor sich hinphilosophierender Embryo lässt den Leser, und stellenweise auch den Autor, doch manchmal über die Logik stolpern.

Insgesamt aber dennoch lesenswert und durchaus eine Empfehlung!

Hermann Parzinger: Abenteuer Archäologie (C.H.Beck, München 2016)

Wie der Titel des Buches schon besagt, ein Streifzug durch die Menschheitsgeschichte. Nach einem Einstiegskapitel über Geschichte und Methoden der Archäologie startet die Reise bei den Ursprüngen der Menschheit, geht dann weiter über die Steinzeit, die neolithische Revolution und die frühen Hochkulturen und endet nach Blicken auf die Antike und das Mittelalter in der Gegenwart.

Empfehlenswert für alle, die an Geschichte interessiert sind, aber sich für Menschen, die das Interesse am Werden des Menschen entdecken wollen. Das Buch ist anschaulich, spannend und flott geschrieben; das Layout und der Satz sind sehr ansprechend.

Eine eindeutige Empfehlung, nicht nur für Geschichtsenthusiasten.

Wieder entdeckt (anlässlich des 100. Todestages): Jack London

Ein begnadeter Erzähler, bei dem man merkt, dass er in seinem Leben viel gesehen hat und das in seiner Literatur verarbeitet.

Wolf Larsen, der Seewolf, ist eine Figur, die im Gedächtnis bleibt, ebenso, wie die intensiven Schilderungen des Lebens auf See. Genauso in lebhafter Erinnerung bleiben die Erlebnisse der Goldgräber in den eisigen Gebieten des Yukon-Territoriums in Alaska.

Nicht zu vergessen ist aber auch der immer wieder durchschimmernde Sozialdarwinismus, der etwa in den Gesprächen von Humphrey van Weyden mit dem Seewolf zum Ausdruck kommt.

Auf alle Fälle sollte man Jack London lesen!!!

Goldrausch in Alaska

Ruf der Wildnis

Der Seewolf

Wolfsblut

Martin Eden

Wolfsblut

Der Seewolf

Martin Eden